Im Oktober 1929 veröffentlichte das Macaroni Journal, das offizielle Magazin der amerikanischen Nudelherstellervereinigung, eine Geschichte mit dem Titel Eine Sage aus Qatai. Darin ging es um einen italienischen Seemann auf dem Schiff von Marco Polo, der irgendwo an der chinesischen Küste eine schöne Frau traf, die lange feine Teigfäden herstellte. Der Matrose war so begeistert, dass er die Fäden mit an Bord nahm und sie seinem Kapitän zeigte. Marco Polo soll das Gericht daraufhin nach dem Seemann benannt haben.

Und der Name dieses Seemanns? Spaghetti. Ja, richtig gehört. Eine Fachzeitschrift für Nudelproduzenten behauptete allen Ernstes, die Spaghetti seien nach einem erfundenen Matrosen benannt.
Dabei kommt das Wort Spaghetti vom italienischen Spaghetto, was nichts anderes bedeutet als dünne Schnur. Die Geschichte war ein Werbetext, geschrieben, um amerikanischen Haushalten Nudeln schmackhaft zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Niemand ahnte damals, dass sich diese absurde Marketingerfindung innerhalb weniger Jahre zur weltweit akzeptierten historischen Tatsache entwickeln würde.
Sie schaffte es in Schulbücher, in Zeitungsartikel, in Dokumentationen, sogar in einen Hollywoodfilm. Generationen von Schülern lernten sie als Fakt, und in manchen Köpfen hält sie sich bis heute. Wie wird aus einer Nudelwerbung im New York der zwanziger Jahre eine Wahrheit, die auf der ganzen Welt geglaubt wird? Und woher kommen die Nudeln wirklich?
Um das zu verstehen, müssen wir viel weiter zurückgehen als ins dreizehnte Jahrhundert. Viel weiter als zu Marco Polo und seinen Reisen. Viertausend Jahre, um genau zu sein. Im November 2002 arbeitete ein Team von Archäologen der chinesischen Akademie der Wissenschaften an einer Ausgrabungsstätte namens Lajia.
Der Ort liegt in der Provinz Qinghai am Oberlauf des Gelben Flusses, mitten auf dem tibetischen Hochplateau. Die Gegend ist karg, dünn besiedelt und windgepeitscht. Das Team unter der Leitung von Ye Maolin grub sich geduldig durch Sediment und Lehm, Schicht für Schicht, als es auf eine umgestürzte Tonschüssel stieß. Die Forscher erwarteten nichts Besonderes.
Solche Schüsseln tauchen bei Ausgrabungen ständig auf. Doch als sie die Schüssel umdrehten, lag darunter etwas, das die Geschichte der Lebensmittelforschung verändern sollte. In der Schüssel lagen gelbe, dünne Fäden. Sie sahen aus wie frisch zubereitete Nudeln.
Etwa fünfzig Zentimeter lang, zart, mit einem Durchmesser von ungefähr drei Millimetern. Sie ähnelten verblüffend den handgezogenen Lamiannudeln, die man heute noch in nordchinesischen Restaurants bekommt. Die Schüssel war durch ein gewaltiges Erdbeben und eine darauffolgende Überschwemmung verschüttet worden. Das Dorf Lajia war in Sekunden unter Schlamm und Geröll begraben worden, ähnlich wie Pompeji unter der Asche des Vesuvs.
Der Lehm hatte dabei eine luftdichte Versiegelung über der Schüssel gebildet und die Nudeln viertausend Jahre lang konserviert. Als Houyuan Lu, ein Wissenschaftler der chinesischen Akademie, die Reste mit Radiokarbondatierung und Massenspektrometrie untersuchte, kam die erste Überraschung. Die Nudeln bestanden nicht aus Weizen. Sie waren aus Rispenhirse und Kolbenhirse hergestellt worden, zwei Getreidearten, die in der Region seit Jahrtausenden angebaut wurden.
Weizen existierte zwar schon in Nordwestchina, wurde dort aber kaum kultiviert. Die Forscher hatten nur Sekunden, um Fotos zu machen, bevor die Nudeln an der Luft zu Pulver zerfielen. Viertausend Jahre konserviert und dann innerhalb von Minuten zerstört. Die Bilder, die in diesen wenigen Sekunden entstanden, gingen um die Welt.
Die zweite Überraschung kam 2005, als die Ergebnisse im Fachmagazin Nature erschienen. Die Nudeln lösten weltweit Diskussionen aus. Der Archäochemiker Patrick McGovern von der University of Pennsylvania nannte den Fund ziemlich erstaunlich und wies darauf hin, dass die Herstellung solch langer dünner Nudeln selbst heute noch beachtliches handwerkliches Geschick voraussetzt. Viertausend Jahre alt und trotzdem auf einem technischen Niveau, das Respekt abnötigt.
Spätere Versuche, Nudeln aus reinem Hirsemehl nachzubilden, scheiterten zunächst, weil Hirse kaum Gluten enthält und sich der Teig nur schwer in lange Fäden ziehen lässt. Die Menschen von Lajia mussten eine Technik beherrscht haben, die erst Jahrtausende später wissenschaftlich verstanden wurde. Diese Nudeln aus Lajia sind bis heute der älteste physische Beweis für Nudeln auf der ganzen Welt. Und sie zeigen eines ganz deutlich.
Nudeln sind keine Erfindung eines einzelnen Landes oder einer einzelnen Kultur. Sie sind ein Grundnahrungsmittel, das verschiedene Zivilisationen unabhängig voneinander entwickelt haben. Die chinesischen Nudeln aus Hirse und die italienische Pasta aus Hartweizen haben miteinander ungefähr so viel zu tun wie ein Kanu und ein Containerschiff. Beides schwimmt, beides transportiert.
Doch Bauweise, Material und Zweck sind grundverschieden. Was die chinesische Tradition und die italienische verbindet, ist eine simple Idee. Aus Mehl und Wasser lässt sich ein formbarer Teig herstellen. Diese Idee hatten Menschen am Gelben Fluss, im Zweistromland, am Mittelmeer und an vielen anderen Orten.
Sie brauchten dafür keinen Entdecker und kein Handelsschiff. Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte der Pasta, wie wir sie heute kennen. Die führt nicht nach China, sondern in den Nahen Osten. Arabische Nomaden standen vor einem praktischen Problem.
Sie waren oft wochenlang unterwegs durch Wüsten und entlang von Handelsrouten und brauchten Nahrung, die nicht verdarb. Frischer Teig hielt sich nur wenige Stunden. Also entwickelten sie irgendwann, vermutlich im achten oder neunten Jahrhundert, eine Lösung. Sie mahlten Hartweizen zu grobem Grieß, der Semolina, formten daraus dünne Stränge und trockneten sie tagelang in der heißen Wüstensonne, bis jede Feuchtigkeit entwichen war.
Das Ergebnis nannten sie Itria. Getrocknet hielt sich dieses Produkt monatelang, bei richtiger Lagerung sogar über Jahre. Es war federleicht im Vergleich zu Brot, platzsparend zu verstauen und schnell zuzubereiten. Man musste es nur in heißes Wasser werfen und ein paar Minuten kochen.
Soldaten trugen es auf Feldzügen, Seeleute auf langen Fahrten über das Mittelmeer, Händler auf ihren Karawanen entlang der Gewürzstraßen. In einer Welt ohne Kühlung war getrocknete Pasta ein kleines logistisches Wunder. Im neunten Jahrhundert beschrieb der arabische Arzt Isho bar Ali in seinem medizinischen Wörterbuch diese Itria als schnurartige Formen aus Semolinagrieß, die vor dem Kochen getrocknet werden. Das ist eine der frühesten klaren Beschreibungen von getrockneter Pasta in der gesamten Menschheitsgeschichte.
Verschiedene Quellen aus dem Nahen Osten erwähnen in den folgenden Jahrhunderten ähnliche Teigwaren. Sogar im Talmud, dem jüdischen Gesetzeskommentar aus dem fünften Jahrhundert, finden sich Hinweise auf längliche getrocknete Teigformen. Hartweizen, auch Durum genannt, war der entscheidende Unterschied zu den chinesischen Hirsennudeln. Durum hat deutlich mehr Eiweiß und einen höheren Glutengehalt als andere Weizensorten.
Genau das macht die Pasta formstabil beim Kochen und elastisch beim Formen. Die Araber mahlten diesen Hartweizen zu Semolinagrieß, dem goldenen, leicht körnigen Mehl, das bis heute die Grundlage jeder getrockneten Pasta ist. Weichere Mehlsorten, wie sie die Römer oder die Etrusker verwendeten, waren für die Trocknung schlicht nicht geeignet. Getrocknete Pasta aus Semolina war eine technische Innovation.
Es gibt noch eine weitere Spur, die sogar noch älter sein könnte als die arabische Itria. Manche Historiker glauben, dass schon die Etrusker im vierten Jahrhundert vor Christus eine Art Pasta herstellten. Der Beweis dafür ist allerdings dünn. Es handelt sich um ein einzelnes Wandrelief in einem etruskischen Grab, das Werkzeuge zeigt, die an Nudelwerkzeug erinnern.
Ob es sich tatsächlich um Pastaherstellung handelt oder um etwas völlig anderes, darüber streiten Experten bis heute. Es gibt auch Hinweise auf flache Teigblätter im antiken Griechenland, die sogenannten Laganon, von denen sich das italienische Wort Lasagne ableiten könnte. Sicher ist, dass Teigfladen und gekochte Mehlspeisen in vielen antiken Kulturen existierten. Die Technik der Trocknung aber, die Pasta haltbar und transportierbar machte, das war die arabische Innovation.
Und dann kamen die Araber nach Sizilien. Zwischen 831 und 1091 stand die Insel unter arabischer Herrschaft. Die neuen Machthaber brachten nicht nur ihre Verwaltung und ihre Architektur mit. Sie brachten den Hartweizenanbau, fortschrittliche Bewässerungssysteme, die die trockenen Böden fruchtbar machten, und eben jene Technik der Pastatrocknung, die sie auf ihren Handelsrouten perfektioniert hatten.
Sizilien erwies sich als perfekter Standort. Das Klima war heiß genug zum Trocknen, mit langen, trockenen Sommern und konstantem Wind. Die Böden waren ideal für den Hartweizenanbau, und die Lage im Zentrum des Mittelmeers bot Zugang zu Handelsrouten in jede Himmelsrichtung, von Nordafrika bis Konstantinopel, von der iberischen Halbinsel bis zur Levante. Innerhalb weniger Generationen entstand auf der Insel eine Pastaindustrie, die weit über den lokalen Bedarf hinausging.
Wie groß diese Industrie war, beschrieb ein Mann, der im Jahr 1154 am Hof eines Königs saß und ein Buch schrieb, das die Welt vermessen sollte. Muhammad al-Idrisi war ein arabischer Geograf, einer der bedeutendsten seiner Zeit. Der normanische König Roger II. von Sizilien hatte ihn beauftragt, die Insel und die bekannte Welt zu bereisen und alles zu dokumentieren.
Al-Idrisi verfasste das Kitab nuzhat al-mushtaq, übersetzt Das Vergnügen dessen, der die Welt bereisen möchte. Es war eines der ehrgeizigsten geografischen Werke des gesamten Mittelalters. In diesem Buch beschrieb al-Idrisi einen Ort namens Trabia, westlich von Termini gelegen, als einen bezaubernden Ort, reich an ganzjährigen Wasserläufen und Mühlen. Er schrieb, dass in Trabia Pasta in solchen Mengen hergestellt wurde, dass sie nicht nur ganz Kalabrien versorgte, sondern per Schiff in muslimische und christliche Gebiete exportiert wurde.
Schiffsladungen, wohlgemerkt. Nicht ein paar Säcke auf einem Karren. Ganze Schiffsladungen. Das ist kein kleines Detail.
Al-Idrisi beschreibt keine Küchenkuriosität, kein regionales Gericht. Er beschreibt eine industrielle Produktion mit funktionierendem Exportnetzwerk. Mühlen, die von Wasserläufen angetrieben wurden, Trocknungsanlagen, Handelspartner über das gesamte Mittelmeer verteilt. In Trabia wurde schon im zwölften Jahrhundert Pasta in Massenproduktion hergestellt.
Und jetzt das entscheidende Detail. Al-Idrisi schrieb das im Jahr 1154. Marco Polo wurde 1254 geboren. Genau einhundert Jahre später.
Als al-Idrisi die sizilianische Pastaindustrie dokumentierte, existierte Marco Polo noch nicht einmal als Idee. Was hat Marco Polo dann tatsächlich geschrieben, und wie wurde daraus die Legende? Nach siebzehn Jahren am Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan kehrte Polo 1295 nach Venedig zurück. Wenig später geriet er in genuesische Kriegsgefangenschaft.
Im Gefängnis diktierte er seine Erlebnisse einem Mithäftling namens Rustichello da Pisa, einem erfahrenen Verfasser von Ritterromanen. Das Buch, das dabei entstand, trug den Titel Divisament du monde, die Beschreibung der Welt. Wir kennen es heute als Die Reisen des Marco Polo. Rustichello war bekannt dafür, Geschichten auszuschmücken.
Historiker debattieren seit Jahrhunderten darüber, wie viel in dem Buch von Polo stammt und wie viel Rustichello hinzudichtete. Was das Buch über Nudeln sagt, ist weniger, als die Legende behauptet. Polo erwähnt ein Nahrungsmittel, das aus dem Mehl der Sagopalme hergestellt wurde. Er vergleicht es mit etwas, das einem Laganum ähnele.
Laganum, das waren flache Teigblätter, die man in Italien längst kannte. Und genau das ist entscheidend. Polo beschreibt etwas Fremdes, indem er es mit etwas vergleicht, das er von zu Hause kennt. Er bringt keine neue Speise nach Italien.
Er findet in China etwas, das ihn an italienisches Essen erinnert. Und das setzt voraus, dass er dieses italienische Essen bereits kannte, bevor er nach China aufbrach. Dieses Detail ging bei der Weitererzählung verloren. Im sechzehnten Jahrhundert veröffentlichte der venezianische Verleger Giovanni Battista Ramusio eine Neuausgabe von Polos Memoiren.
Ramusio war kein Fälscher. Er war ein respektierter Gelehrter, der die Texte für ein breiteres Publikum aufbereitete. Dabei formulierte er eine Passage über das Sagomehl so um, dass Leser den Eindruck gewannen, Polo habe die Pasta in China entdeckt und nach Italien eingeführt. Im Original stand das nicht.
In Ramusius Fassung las sich das plötzlich so. Das Missverständnis war in der Welt. Und wie das bei solchen Missverständnissen so ist, einmal gedruckt wandern sie von Buch zu Buch, von Übersetzung zu Übersetzung, von Generation zu Generation. Niemand geht mehr zurück zur Originalquelle, um nachzuprüfen, was dort wirklich steht.
Es gibt allerdings ein Beweisstück, das die Marco-Polo-Theorie unwiderlegbar zertrümmert. Im Spaghettimuseum in Pontedassio bei Imperia in der norditalienischen Region Ligurien liegt ein Dokument aus dem Jahr 1279. Es handelt sich um das Testament eines genuesischen Soldaten namens Ponzio Bastone. In seiner Nachlassliste vererbte dieser Soldat unter anderem einen Korb Makkaroni an seine Erben.
Er führte die getrocknete Pasta als normalen Besitz auf, nicht als Kuriosität, nicht als Importware, sondern als alltäglichen Gegenstand, der einen Platz in einer Erbschaft verdient. Im Jahr 1279 befand sich Marco Polo noch am Hof Kublai Khans in China. Er würde erst sechzehn Jahre später heimkehren. Und trotzdem vererbte ein ganz normaler Soldat in Genua getrocknete Pasta, als wäre sie so gewöhnlich wie eine Wolldecke oder ein paar Stiefel.
Im selben Museum liegen weitere Dokumente aus den Jahren 1284 und 1440. Alle erwähnen Pasta, Makkaroni und Vermicelli als bekannte Lebensmittel, nicht als Luxusgüter, nicht als exotische Importe, sondern als gewöhnliche Nahrungsmittel, die jeder kannte. Die Nudel brauchte keinen Entdecker und keinen berühmten Reisenden, der sie aus Asien mitbrachte. Sie war längst da, fest verankert im Alltag des mittelalterlichen Italiens.
Bis ins sechzehnte Jahrhundert war Pasta in weiten Teilen Italiens ein Essen für besondere Anlässe, vorwiegend auf den Tischen des Adels und des wohlhabenden Bürgertums. In Neapel aßen die einfachen Leute vor allem Gemüse und Fisch. So viel Grünzeug, dass man die Neapolitaner als Mangiafoglia bezeichnete, als Blattfresser. Das änderte sich im siebzehnten Jahrhundert grundlegend.
Spanische Misswirtschaft brachte wirtschaftlichen Niedergang und wachsende Armut über die Stadt. Gleichzeitig fielen die Produktionskosten für Pasta drastisch, weil mechanische Pressen es ermöglichten, große Mengen Makkaroni schnell und günstig herzustellen. Neapel lag an der Mittelmeerküste. Der Boden war fruchtbar für Hartweizen, und die abwechselnde Meeresluft und der heiße Wind vom Vesuv sorgten für ideale Trocknungsbedingungen, bei denen die Nudeln weder schimmelten noch zu schnell austrockneten.
In den Gassen der Stadt hingen bald Nudeln von Balkonen, von Holzgestellen und über die Straßen gespannten Leinen. Straßenhändler, die sogenannten Maccaronari, kochten riesige Kessel voller langer Nudeln an offenen Ständen und verkauften Portionen für wenige Münzen. Die Kunden griffen mit der bloßen Faust in die dampfenden Nudeln, hoben die Faust über den Kopf, legten den Kopf in den Nacken und ließen die heißen Fäden in den offenen Mund gleiten. Kein Teller, keine Gabel, kein Besteck.
Nur eine Faust voll Nudeln und Schwerkraft. Übrigens entstand auch die Gewohnheit, Pasta al dente zu kochen, aus dieser Straßenverkaufskultur. Die Maccaronari kochten die Nudeln absichtlich kürzer, weil sie so schneller verkaufen konnten. Was als Zeitersparnis begann, wurde zum kulinarischen Standard.
Diese Art zu essen wurde zu einer eigenen Attraktion. Europäische Adlige auf ihrer Grand Tour, der damals modischen Bildungsreise durch Südeuropa, kamen nach Neapel und staunten über das Schauspiel. Als Johann Wolfgang von Goethe 1787 die Stadt besuchte, notierte er verwundert, dass Macaroni aller Art überall und zu niedrigem Preis zu finden seien. Um diese Zeit hatte Neapel bereits zweihundertachtzig Nudelläden.
Aus den Blattfressern waren die Mangiamaccheroni geworden, die Makkaroni-Fresser. Der Spitzname blieb über ein Jahrhundert an den Neapolitanern haften und wurde später auf alle italienischen Auswanderer übertragen. Wer Italiener war, war ein Makkaroni-Fresser. So einfach, so unfair und so hartnäckig sind Stereotype.
Die Pasta war jetzt ein Volksessen. Billig, sättigend, überall verfügbar. Aber es fehlte noch eine Zutat, die alles verändern sollte. Die Tomate kam im sechzehnten Jahrhundert aus Amerika nach Europa, mitgebracht von spanischen Eroberern, und sie wurde zunächst mit tiefem Misstrauen behandelt.
Viele Europäer hielten die leuchtend rote Frucht für giftig. Sie gehörte zur Familie der Nachtschattengewächse, genau wie die tödliche Tollkirsche, und das reichte als Warnung. Es dauerte fast zweihundert Jahre, bis sich die Italiener trauten, die Tomate ernsthaft in der Küche einzusetzen. Der erste Hinweis auf eine Tomatensoße in der italienischen Kochgeschichte stammt von Antonio Latini, dem Oberküchenmeister des spanischen Vizekönigs von Neapel.
Latini veröffentlichte 1692 sein Kochbuch Lo scalco alla moderna, der moderne Truchsess. Darin findet sich ein kurzes Rezept für eine Salsa di pomodoro alla spagnuola, eine Tomatensoße nach spanischer Art. Gehackte Tomaten, Zwiebeln, Thymian, ein wenig Salz. Latini servierte die Soße allerdings noch zu Fleisch und Fisch.
Auf die Idee, sie über Nudeln zu geben, kam er offenbar nicht. Wann genau zum ersten Mal jemand Tomatensoße über Pasta kippte, weiß kein Mensch. Es gibt keinen einzelnen dokumentierten Moment. Was man weiß, ist, dass Francesco Leonardi, ein italienischer Koch am russischen Zarenhof und Autor des Kochbuchs L’apicio moderno aus 1790, als erster die Kombination von Pasta und Tomate schriftlich festhielt.
In den folgenden Jahrzehnten tauchten in neapolitanischen Kochbüchern immer mehr Rezepte für Makkaroni mit Tomatensoße auf. Die Straßenhändler Neapels erkannten den Wert sofort. Die Soße war billig, schmeckte kräftig und haftete perfekt an den langen Nudeln. Manche Haushalte kochten die pürierte Soße kurz ein, um sie zu verdicken.
Andere verwendeten sie roh, weil das den frischen Geschmack bewahrte. Es gab kein festes Rezept, nur endlose Variationen an offenen Herdfeuern und Straßenständen. Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war die Verbindung von Pasta und Tomatensoße so fest in der neapolitanischen Identität verankert, dass man sich die Küche dieser Stadt ohne sie nicht mehr vorstellen konnte. Die ikonischste Kombination der Weltküche entstand nicht in der Versuchsküche eines berühmten Kochs.
Sie entstand an offenen Straßenständen, aus Notwendigkeit, aus Sparsamkeit und aus dem glücklichen Zusammentreffen zweier Zutaten, die von verschiedenen Kontinenten stammten. Und dann kam Amerika ins Spiel. Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, lebte zwischen 1784 und 1789 als amerikanischer Botschafter in Frankreich. Er bereiste Europa, probierte sich durch die Küchen Italiens und Frankreichs und war begeistert.
Jefferson war von Natur aus ein neugieriger Mensch. Er entwarf Gebäude, konstruierte Uhren, verbesserte den Pflug und zeichnete den klappbaren Schreibtisch, auf dem er die Unabhängigkeitserklärung verfasst hatte. Als er nach Amerika zurückkehrte, brachte er einen französischen Koch mit, zahllose Rezepte und einen besonderen Gegenstand. Eine Nudelmaschine aus Neapel.
Jefferson hatte sie nicht selbst gekauft. Sein Sekretär William Short hatte sie 1789 in Neapel besorgt und nach Paris geschickt. Jefferson zeichnete sogar eigene technische Entwürfe für eine verbesserte Version, inklusive Querschnittszeichnungen der Löcher, durch die der Teig gepresst werden sollte. Diese Zeichnungen liegen heute noch in der Library of Congress in Washington.
Im Weißen Haus servierte er seinen Gästen Makkaroni mit Käse, eine Spezialität, die in Frankreich gerade in Mode war. Jefferson machte Pasta in den höchsten Kreisen der amerikanischen Gesellschaft salonfähig. Bei seinen legendären Abendessen im Weißen Haus servierte er neben den Makkaroni auch Eiscreme, Pfirsich Flambé und die besten europäischen Weine. Die Gäste waren beeindruckt.
Pasta war plötzlich etwas Raffiniertes geworden. Die eigentliche Welle kam später. Im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert strömten Millionen italienische Einwanderer nach Amerika. Allein zwischen 1880 und 1920 kamen über vier Millionen Italiener in die Vereinigten Staaten.
Sie brachten ihre Rezepte, ihre Kochtechniken und ihre Leidenschaft für Pasta mit. In den italienischen Vierteln von New York, Boston, Philadelphia und Chicago eröffneten kleine Nudelfabriken und Restaurants. Der Geruch von kochender Pasta hing in den Straßen von Little Italy. Pasta wurde in Amerika populär, hatte aber außerhalb der italienischen Gemeinden noch ein Imageproblem.
Die Einwanderer galten vielen als arm, fremd und kulturell unterlegen. Ihre Küche wurde als primitives Essen betrachtet. Macaroni, das war etwas für Einwanderer, nichts für respektable amerikanische Familien. Die Nudelindustrie wollte das ändern.
Und damit sind wir zurück beim Macaroni Journal. Die National Macaroni Manufacturers Association wollte Nudeln aus der Nische der ethnischen Küche herausholen und zum amerikanischen Mainstreamprodukt machen. Die Idee dahinter war simpel. Wenn Pasta nicht als rein italienisch präsentiert würde, sondern als universelles Weltkulturerbe, als eine Speise, die Marco Polo schon aus dem mysteriösen China mitgebracht hatte, dann klang das exotisch genug, um die Neugier der amerikanischen Mittelschicht zu wecken, und gleichzeitig vertraut genug, um keine Berührungsängste auszulösen.
Also veröffentlichten sie im Oktober 1929 den Artikel Eine Sage aus Qatai mit der Geschichte vom Matrosen Spaghetti. Ob der Autor selbst an die Geschichte glaubte oder sie als schmückendes Beiwerk verstand, ist bis heute unklar. Was dagegen feststeht, ist, dass die Geschichte eine Eigendynamik bekam, die niemand vorhergesehen hatte. Wenn die offizielle Zeitschrift der amerikanischen Pastavereinigung so etwas druckte, musste es doch wahr sein.
Wer, wenn nicht die Nudelhersteller selbst, sollte die Geschichte ihres eigenen Produkts kennen? Die Legende verbreitete sich in Zeitungen und Magazinen. Und neun Jahre später kam Hollywood. 1938 erschien der Film The Adventures of Marco Polo mit Gary Cooper in der Hauptrolle.
In einer Szene sitzt der venezianische Entdecker in einem chinesischen Haus und probiert ein Gericht aus feinen langen Teigfäden. Sein Gastgeber nennt die Speise Spaghetto. Cooper ist begeistert und nimmt das Rezept mit nach Europa. Ein Hollywoodfilm mit einem der größten Stars der dreißiger Jahre.
Die Szene war witzig, charmant und einprägsam. Danach zweifelte in Amerika kaum noch jemand an der Geschichte. Marco Polo hatte die Nudeln aus China nach Italien gebracht. Das war Allgemeinwissen, so sicher wie die Tatsache, dass Kolumbus Amerika entdeckt hatte.
Und die Legende sprang über den Atlantik zurück nach Europa. In Schulbüchern auf der ganzen Welt wurde die Geschichte nachgedruckt. Reiseführer für China und Italien wiederholten sie. Dokumentationen erzählten sie nach.
Die Frage, wer die Nudeln erfunden hat, bekam eine einfache, befriedigende Antwort. China, und Marco Polo brachte sie nach Hause. Dass die ganze Sache auf einem Werbeartikel in einer Branchenzeitschrift und einem Unterhaltungsfilm beruhte, ging vollständig unter. Wie das bei den besten Mythen so ist, sie klingen so gut, dass niemand mehr die Originalquelle prüft.
Und dabei liegt der eigentliche Witz darin, dass die wahre Geschichte so viel besser ist als die erfundene. Die echte Geschichte der Pasta umspannt viertausend Jahre und drei Kontinente. Sie beginnt bei den Hirsennudeln am Gelben Fluss, wo eine katastrophale Überschwemmung eine Schüssel unter Lehm begrub und damit den ältesten Beweis für Nudeln konservierte. Sie führt zu arabischen Nomaden in den Wüsten des Nahen Ostens, die aus Hartweizen und Sonne eine kulinarische Innovation schufen, die sich über das gesamte Mittelmeer ausbreitete.
Sie macht Halt in Trabia auf Sizilien, wo ein arabischer Geograf im zwölften Jahrhundert eine blühende Exportindustrie dokumentierte, angetrieben von Wassermühlen und Mittelmeerwind. Sie zeigt, wie Nudeln zur Rettung einer ganzen Stadt wurden, als Neapel im siebzehnten Jahrhundert billige, sättigende Nahrung für eine wachsende, verarmte Bevölkerung brauchte. Wie die Tomate aus Südamerika kam und zweihundert Jahre brauchte, um das Misstrauen der Europäer zu überwinden, bevor sie mit der Pasta die berühmteste Kombination der Essensgeschichte einging. Kein einzelner Entdecker hat die Pasta nach Italien gebracht.
Kein dramatischer Moment auf einem Handelsschiff im Südchinesischen Meer. Stattdessen waren es Jahrhunderte der langsamen Wanderung, des Handels und der Anpassung an neue Böden, neue Klimate und neue Geschmäcker. Die Nudel reiste nicht im Gepäck eines venezianischen Kaufmanns. Sie reiste auf den Handelsrouten arabischer Kaufleute, in den Satteltaschen von Nomaden, in den Laderäumen sizilianischer Handelsschiffe und durch die Hände von Straßenverkäufern in Neapel.
Die wahre Geschichte der Nudeln ist keine Geschichte eines genialen Erfinders. Sie ist eine Geschichte darüber, wie eine einfache Idee, Mehl und Wasser zu einem formbaren Teig zu verarbeiten, über Jahrtausende und Kontinente hinweg immer wieder neu entstand, weiterentwickelt und verfeinert wurde. Die Chinesen formten Hirse zu Fäden. Die Araber trockneten Hartweizen in der Sonne.
Die Sizilianer bauten daraus eine Exportindustrie. Die Neapolitaner machten daraus ein Volksgericht. Und die Amerikaner machten daraus ein Milliardengeschäft. Es gibt ein letztes Detail, das die Marco-Polo-Legende niemals liefern könnte.
In der arabischen Sprache heißt die getrocknete Pasta Itria. Im sizilianischen Dialekt sagt man bis heute Tria, wenn man bestimmte Nudelsorten meint. Auf den Märkten von Palermo, in kleinen Orten an der Küste zwischen Termini und Trabia, in Familienküchen, die ihre Rezepte seit Generationen weitergeben. Das Wort hat die Epochen überlebt.
Die arabische Herrschaft, die normannische Eroberung, die Staufer, die spanischen Vizekönige, die Vereinigung Italiens, zwei Weltkriege. Es ist immer noch da, nach über tausend Jahren. Ein einzelnes Wort, unauffällig und beständig, das die wahre Herkunft der Pasta verrät, wenn man weiß, wonach man sucht. Es brauchte keinen Matrosen namens Spaghetti, keinen Hollywoodfilm und keine Werbekampagne.
Nur ein arabisches Wort in einem sizilianischen Dialekt, das seit über tausend Jahren dasselbe bedeutet.