Katharina Berger hatte erwartet, dass Jonas Weber den Vertrag unterschreiben würde. Womit sie nicht gerechnet hatte, war seine siebenjährige Tochter, die genauer auf das Kleingedruckte sah als jeder Anwalt. Jonas rieb sich den Nacken und spürte den feinen Gipsstaub auf seiner schwieligen Handfläche. In einer anderen Welt hätte ihn nur der Terminplan beschäftigt, doch längst war jede Stunde auf dieser Baustelle auch eine Rechnung darüber, wie er sich durch den nächsten Monat bringen sollte.

Er stand im zweiundvierzigsten Stock eines halbfertigen Hochhauses im Frankfurter Bankenviertel, umgeben vom offenen Ständerwerk dessen, was einmal die teuerste neue Konzernzentrale der Stadt werden sollte. Tief unter ihm zogen Straßenbahnen, Autos und Fahrräder durch ein graues Raster aus Verkehr und Baustellen, während im Rohbau selbst ein Orchester aus Bohrern, Rufen, Metall und klingendem Werkzeug spielte. Teuer geplant und trotzdem vollkommen chaotisch. Aus einem Schweißgerät sprühten Funken.
Der scharfe Geruch von Ozon mischte sich mit Betonstaub und frischem Estrich. Jonas war Bauprojektleiter. Ein Titel, der deutlich eleganter klang als sein Alltag, denn meistens nahm er den Ärger sehr reicher Auftraggeber entgegen, übersetzte ihn in klare Ansagen an übermüdete Nachunternehmer und versuchte nebenbei zu verhindern, dass Termine, Budgets oder Menschen unter dem Druck zusammenbrachen. Er sah auf sein Handy.
Es war sechzehn Uhr fünfzehn und die Banking-App meldete mit nüchterner Höflichkeit, sein Kontostand sei unter hundert Euro gefallen. Jonas wischte die Nachricht von dem gesprungenen Display. Bis siebzehn Uhr dreißig musste er sich aus der Nachmittagsbetreuung abholen. Jede angefangene verspätete Viertelstunde kostete extra, und seit die Krankheit seiner verstorbenen Frau vor drei Jahren Ersparnisse, Altersvorsorge und Kreditwürdigkeit aufgezehrt hatte, konnte er sich weder Verspätungen noch viel anderes leisten.
Zwar hatte die Krankenkasse die reguläre Behandlung getragen, doch private Zusatztherapien, Fahrten, Verdienstausfälle und die Kredite aus jener Zeit hatten ein Loch hinterlassen, aus dem er sich noch immer freischaufelte. Jeder zusätzliche Auftrag bedeutete deshalb nicht bloß Arbeit, sondern ein paar weitere Tage Abstand zu der Angst, die er vor sich so sorgfältig verbarg. Der Lastenaufzug rasselte, dann erklang sein dünnes Signal, und als die Metalltüren auseinander glitten, schien es Jonas, als würde die Temperatur im Rohbau noch einmal sinken. Katharina Berger trat heraus.
Einen Schutzhelm trug sie nicht. Sie tat es nie. Mit einer Selbstverständlichkeit, die fast einschüchternder war als offene Arroganz, ging sie über die Baustelle, den schwarzen Wollmantel über die Schultern gelegt, während ihre Absätze hart auf dem unfertigen Boden klickten. Zwei Assistenten folgten ihr eine halbe Schrittlänge versetzt, Tablets in den Händen und jene angespannte Miene im Gesicht, die Menschen bekamen, wenn sie für Katharina arbeiteten.
Sie war vierunddreißig. Vorstandsvorsitzendeund größte Einzelaktionärin der Bergerlogistik AG, berüchtigt für Effizienz, Härte und einen Anspruch, dem kaum jemand genügte. Katharina lebte nach der stillen Überzeugung, dass sich die physische Welt letztlich ihrem Vermögen zu beugen habe. Widerstand war für sie selten ein Naturgesetz, sondern meistens nur eine Frage des Preises, des Personals oder des Drucks.
Wer, rief sie, als suche sie ihn nicht, sondern als müsse er allein durch die Nennung seines Namens vor ihr erscheinen. Jonas trat hinter einem Stapel Metallprofile hervor. Frau Berger, sie sind früh für die Begehung. Ich richte mich nicht nach Plänen, sondern nach Ergebnissen, sagte sie und blieb mitten im Raum stehen, während ihr Blick mit offenem Missfallen über freiliegende Leitungen, Kabelschlaufen und unfertige Decken wanderte.
Das sieht nicht nach einer bezugsfertigen Vorstandsetage aus, und wir sollen in drei Wochen einziehen. Jonas hob kaum die Stimme. Sie ziehen in drei Wochen nicht ein. Einer der Assistenten sog hörbar Luft ein.
Katharina drehte langsam den Kopf zu Jonas. Ihre braunen Augen waren kühl, prüfend und frei von jeder freundlichen Regung. Der Blick einer Wirtschaftsprüferin, die bereits weiß, dass irgendwo eine Abweichung verborgen ist. Wie bitte?
Jonas zuckte nicht einmal. Für Einschüchterung fehlte ihm an diesem Nachmittag schlicht die Kraft. Er zog die zusammengerollten Pläne aus der Seitentasche seiner Arbeitshose und klopfte damit gegen den Oberschenkel. Der Marmor, auf dem sie für das Foyer bestanden haben, steckt wegen eines Streikes beim Lieferanten fest.
Die Platten stehen noch im Hafen von Genua. Solange der Stein nicht hier ist, können wir den Boden nicht fertigstellen. Und solange der Boden fehlt, kann der maßgefertigte Innenausbau nicht sauber montiert werden. Drei Wochen sind Wunschdenken, sechs sind realistisch.
Katharina hob das Kinn. Dann fliegen sie ihn ein. Frachtraum chartern. Jonas sah sie einen Moment an.
Das sind fünfzig Tonnen Stein. Kein Paket, das man mit Expressversand bestellt. Ihre Augen wurden schmal. Man sagte Katharina Berger nicht nein.
Gewöhnlich nickten Menschen, schwitzten und ruinierten ihre eigenen Wochenenden, Beziehungen oder Nerven, um die Realität irgendwie ihrem Willen anzupassen. Sie trat näher. Jonas war ein Paar Zentimeter größer, breitschultrig in ausgewaschenem Flanellhemd und staubhellen Sicherheitsschuhen. Er roch nach Kaffee, Arbeitsschweißund Metall, wirkte müde bis in die Knochen, aber nicht im geringsten verängstigt.
Die Logistik des Steins interessiert mich nicht, Jonas. Mich interessiert die Außenwirkung. Am einundzwanzigsten kommt der Aufsichtsrat zur symbolischen Eröffnung. Ich brauche etwas, dass ich eröffnen kann.
Jonas drehte sich wieder zu seinem Klemmbrett. Dann kaufen sie eine Schere, ein rotes Bandund schneiden es unten im fertigen Foyer durch. Der zweiundvierzigste Stock bleibt gesperrt, bis der Marmor da ist. Ich gefährde weder Untergrund noch Ausbau, nur damit ihr Aufsichtsrat ein Pressefoto bekommt.
Für einen langen Moment war nur das hohe Kreischen eines Bohrers aus dem Stockwerk darunter zu hören. Katharina betrachtete Jonas von der Seiteund bemerkte die ersten grauen Strähnen an seinen Schläfen, die tiefen Schatten unter den Augenund die Haltung eines Mannes, der so lange Verantwortung getragen hatte, dass Müdigkeit zu etwas Dauerhaftem geworden war. Sie reden nicht mit mir wie die anderen, stellte sie fest. Es klang nicht nach Kompliment, eher nach Datenerhebung.
Ich bin bei einem externen Generalunternehmer angestellt, sagte Jonasund unterschrieb einen Lieferschein. Sie bezahlen meine Firma, meine Firma bezahlt mich. Sie können den Auftrag kündigen, aber sie können Beton nicht schneller trocknen lassen. Schönen Nachmittag noch, Frau Berger.
Dann ging er. Katharina sah ihm nach, das Gesicht unbewegt. Soll ich seinen Bereichsleiter anrufen? fragte einer ihrer Assistenten leise.
Nein, sagte sie, ohne Jonas aus den Augen zu lassen. Lassen Sie ihn genau da, wo er ist. Eine Stunde später saß Jonas in seinem alten Opel Astraund kroch auf der A5 durch den Feierabendstau Richtung Rödelheim. Die Heizung schaffte nur lauwarme Luft gegen seine kalten Finger.
Im Rückspiegel traf er Mias Blick. Sie war sieben, hatte die grünen Augen ihrer Mutterund dieselbe stille, genaue Art wie ihr Vater. Auf der Rückbank malte sie mit einem grünen Wachsmalstift sorgfältig ein Haus auf die Rückseite einer zweiten Mahnung des Stromanbieters, als wäre das graue Papier dafür völlig normal. Papa, sie sah nicht auf.
Ja, Mäuschen. Leas Mama hat heute Muffins für ihren Geburtstag mitgebracht. Oben drauf waren kleine Plastikringe. Jonas spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.
Dieses leise, erbarmungslose Schuldgefühl eines alleinerziehenden Elternteils, der ständig am Rand rechnete. Mias Geburtstag war im nächsten Monat. Das klingt schön. Hast du auch einen bekommen?
Ja, aber er ist kaputt gegangen. War billig, sagte Mia sachlich und blickte nun auf. Können wir heute Würstchen essen? Jonas verzog den Mund.
Die hatten wir gestern schon. Ich mag Würstchen. Die sind billig, oder? Seine Finger schlossen sich fester um das Lenkrad, bis die Knöchel weiß wurden.
Sie war sieben. Sie sollte das Wort billig nicht wie eine Haushaltskategorie benutzenund schon gar nicht heimlich das Familienbudget mitrechnen. Wir schauen, was noch im Kühlschrank ist, log Jonas. Er wusste genau, was darin lag.
Ein halber Liter Milch, ein müder Kopfsalat, Senf und ein Stück Butter, das kaum noch für zwei Brote reichen würde. Er brauchte entweder ein Wunder oder einen zweiten Job. Zur selben Zeit saß Katharina am Kopfende eines sechs Meter langen Mahagonitisches, während im Konferenzraum nur die Klimaanlage leise summte. Ihr gegenüber saß Roland Faber, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, ein Mann, der mit den Zähnen lächelte, aber nie mit den Augen.
Der Kurs ist nervös, Katharina, sagte er glattund tippte mit einem silbernen Füller gegen seine Ledermappe. Die geplante Übernahme von Nordstern Systems ist der größte Schritt, den dieser Konzern je gewagt hat, und alle schauen auf uns. Barfin, Großaktionäre, Banken, Presse. Katharina blieb kühl.
Die Zahlen sind unangreifbar. Nordstern ist eingekreist. Nach der Übernahme kontrollieren wir siebzig Prozent des regionalen Liefernetzwerks. Roland schüttelte langsam den Kopf.
Die Zahlen sind nicht das Problem. Er wartete einen Herzschlag. Sie sind das Problem. Katharinas Rücken wurde noch gerader, als wäre allein dieser Satz eine persönliche Grenzverletzung.
Wie bitte? Roland seufzte mit geübter väterlicher Enttäuschung. Sie waren in zwei Jahren zweimal verlobt. Die erste Hochzeit haben sie per Pressemitteilung abgesagt.
Der zweite Verlobte hat sie nach der Trennung verklagtund anschließend in jedem zweitklassigen Podcast über Sie gesprochen. Es gibt Fotos, auf denen sie Hotelpersonal anschreien, und Sie schlafen drei Stunden pro Nacht in Suiten, weil sie sich weigern, irgendwo ein Zuhause zu kaufen. Sie sind brillant, Katharina, aber sie wirken unberechenbar. Die Investoren wollen keinen einsamen Wolf an der Spitze einer Übernahme von fast neun Milliarden Euro.
Sie wollen Stabilität, sie wollen Rendite,und die liefere ich. Roland lehnte sich zurück. Sie wollen eine Geschichte. Sie wollen glauben können, dass die Frau an der Spitze geerdet ist.
Sie müssen ihr Bild weicher machen. Sie müssen aussehen wie ein Menschund nicht wie ein Rechenmodell. Wenn nicht, er ließ den Satz zwischen ihnen hängen, schwer und giftig, dann wird der Aufsichtsrat noch vor Abschluss des Nordsterngeschäfts über ihre Abberufung als Vorstandsvorsitzende beraten. Katharina wurde kalt.
Sie wollten sie aus dem Unternehmen drängen, dass sie aufgebaut hatte. Das würden Sie nicht wagen. Roland lächelte. Geben Sie uns einen Grund, es nicht zu tun.
Werden Sie sesshaft. Kaufen Sie eine Wohnung. Schaffen Sie sich meinetwegen einen Hund anund zeigen Sie, dass Sie länger als ein Geschäftsquartal eine menschliche Beziehung aufrecht erhalten können. Roland stand aufund schloss den Knopf seines Sakos.
In zwei Monaten ist die Hauptversammlung. Bringen Sie ihre Außenwirkung in Ordnung, Katharina, oder wir bringen die Führung in Ordnung. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, blieb Katharina eine volle Minute regungslos sitzen. Sie warf nichts an die Wand, sie weinte nicht.
Sie rief niemanden an. Sie zerlegte die Drohung in Bestandteile, bewertete Risikenund begann sofort mit einer Gegenstrategie. Was sie brauchte, war eine Beziehung. Stabil, langweilig, unangreifbar.
Eine PR-Agentur hätte irgendeinen Schauspieler vermitteln können, aber Schauspieler redeten, suchten Aufmerksamkeitund verwandelten Geheimnisse früher oder später in Interviews. Menschen, die Ruhm wollten, waren unkalkulierbar. Sie brauchte jemanden Praktischen, jemanden, der Transaktionen verstand,und jemanden, den keine Boulevardredaktion mit Geld aus einem Vertrag locken konnte, weil eine wasserdichte Verschwiegenheitsvereinbarung ihn bereits band. Katharina dachte an Staub, Kupfergeruchund den Mann, der auf ihr Drei-Milliarden-Euro-Imperium gesehenund ihr erklärt hatte, dass Beton Zeit brauche, ganz gleich wem das Gebäude gehörte.
Jonas Weber. Zwei Tage später saß Jonas in einem Ledersessel, der vermutlich mehr gekostet hatte als sein Opel, im provisorischen Vorstandsbüro von Katharina Berger. Man hatte ihn mit der Begründung einer dringenden Planungsfrage von der Baustelle geholt. Noch immer trug er seine Sicherheitsschuheund hinterließ feine Spuren von Gipsstaub auf einem handgeknüpften Teppich, während Katharina hinter einem gläsernen Schreibtisch saßund ihn prüfend ansah.
Sie bot weder Kaffee noch Wasser an, sondern schob ihm eine dicke beigefarbene Mappe entgegen. Was ist das? Jonas berührte sie nicht. Den neuen Terminplan fürs Foyer habe ich längst abgegeben.
Es geht nicht um das Foyer. Öffnen Sie. Er beugte sich vor, schlugdie Mappe aufund beganndie erste Seite zu lesen, wobei sich seine Stirn schon nach wenigen Zeilen in Falten legte. Es sah aus wie ein Vertrag, nur dichter, kälter und voller Juristendeutsch.
Seine Augen glitten über Überschriften. Verschwiegenheitsvereinbarung, finanzielle Leistungen, Termine, öffentliche Auftritte, Regelungen zum gemeinsamen Wohnsitz. Jonas hob den Blick. Ist das ein Witz?
Ich leite Baustellen, Frau Berger. Ich weiß nicht, was das hier sein soll. Katharinas Stimme blieb vollkommen ruhig. Eine Art Beschäftigungsvereinbarung.
Ich habe ein Problem. Der Aufsichtsrat bedroht meine Position, weil er mein Privatleben für instabil hält. Sie wollen eine verheiratete Frau, ein Familienbild, etwas Beruhigendes für Investoren. Ich wiederum habe keinerlei Interesse an der chaotischen, ineffizienten Wirklichkeit einer Romanze.
Jonas starrte sie an,und für einen Moment verdrängte reine Fassungslosigkeit sogar seine Müdigkeit. Und was hat das mit mir zu tun? Katharina verschränkte die Hände. Sie werden mich heiraten.
Es war keine Frage. Jonas lachte kurz und hart, klappte die Mappe zu und stand auf. Sie haben den Verstand verloren. Schönen Tag noch.
Setzen Sie sich, Jonas. Ihre Stimme schnitt durch den Raum. Ich habe sie überprüfen lassen. Er blieb auf halbem Weg zur Tür stehen.
Sie haben was? Katharina brauchte keinen Bildschirm. Sie hatte die Zahlen auswendig gelernt. Sie haben vierundachtzigtausend Euro Schulden aus der Krankheitszeit ihrer verstorbenen Frau.
Drei Kreditraten für ihre kleine Eigentumswohnung sind offen. Ihre Karten sind am Limit,und für Mia bezahlen sie eine teure Nachmittagsbetreuung, weil Sie wegen der Baustellenzeiten keine verlässliche günstigere Lösung organisieren können. Sie gehen unter. Jonas drehte sich langsam um, das Gesicht blass, der Kiefer so fest angespannt, dass es schmerzte.
Sprechen Sie nie wieder über meine Tochter. Seine Stimme war leise,und gerade deshalb klang sie gefährlich. Ich spreche über ihre Zukunft, erwiderte Katharinaund stützte die Unterarme auf den Glastisch. Mein Vorschlag: Wir gehen für exakt fünf Jahre eine rechtliche Ehe.
Wir beziehen ein Haus, das ich kaufe,und haben getrennte Schlafzimmer. Sie begleiten mich einmal pro Woche zu einem geschäftlichen Abendessenund dreimal im Jahr zu großen Empfängen. Vor Kameras lächeln sie, wir streiten nicht öffentlich,und ansonsten führen Sie ihr eigenes Leben. Im Gegenzug tilge ich heute sämtliche Schulden.
Ich richte für Mia ein treuhänderisch verwaltetes Depot über zwei Millionen Euro ein, über das sie mit achtzehn verfügen kann,und sie erhalten jährlich vierhundertfünfzigtausend Euro. Jonas hatte das Gefühl, die Luft verschwinde aus dem Zimmer. Vierhundertfünfzigtausend Euro. Zwei Millionen für Mia.
Keine Mahnungen, keine Angst an der Supermarktkasse, kein ständiges Gewicht auf seiner Brust, das selbst nachts nicht ganz verschwand. Alles, was er dafür tun musste, war sein Leben an eine Frau aus Eis zu verkaufen. Warum ich? Seine Stimme klang rau.
Sie könnten ein Model nehmen, einen Politiker, irgendeinen Mann, der solche Auftritte gewohnt ist. Katharina zuckte kaum merklich mit einer Schulter. Models sind eitel, Politiker sind Haftungsrisiken. Sie sind praktisch.
Sie lassen sich von mir nicht einschüchternund werden deshalb nicht anhänglich. Außerdem haben sie eine Tochter. Das liefert dem Aufsichtsrat genau das Familienbild, das er sehen will. Und vor allem brauchen sie das Geld.
Sie haben also einen Grund, sich an das Drehbuch zu halten. Jonas sah sie nun wirklich an. Unter dem makellosen Make-up, dem präzisen Schnitt des Hosenanzugsund der Haltung einer Frau, die jeden Raum beherrschte, erkannte er eine erschreckende Leere. Sie versuchte, einen Menschen zu kaufen, weil sie offenbar nicht wusste, wie man sich einem Menschen anders näherte.
Sie verlangen von mir, meine Tochter anzulügen, sagte er leise,und eine Fremde in ihr Zuhause zu holen. Ich verlange, dass Sie ihre Zukunft absichern, korrigierte Katharina. Nehmen Sie den Vertrag mit, lassen Sie ihn von einem Anwalt prüfen. Ich übernehme die Kosten.
Jonas ging zurück zum Schreibtisch, griff aber nicht nach der Mappe. Ich kenne Sie nicht. Sie kennen mich nicht,und sie kennen Mia erst recht nicht. Ein Stück Papier macht keine Familie,und meine Tochter ist klug.
Sie merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt. Katharina lehnte sich zurück. Jeder hat einen Preis, Jonas, auch Kinder. Ich kann ihr die besten Spielsachenund Schulen bezahlen.
Er schüttelte den Kopf,und ein müdes, fast zynisches Lächeln erschien. Sie glauben wirklich, so funktioniert das? Trotzdem wanderte sein Blick wieder zu den Zahlen. Zwei Millionen für Mia.
Nie wieder müsste sie bei einem kaputten Plastikring zuerst darüber nachdenken, was er gekostet hatte. Ich sage zu gar nichts. Ja, sagte Jonas schließlich schwer, bevor sie sie kennengelernt haben. Wenn wir ein gemeinsames Leben vortäuschen sollen, muss Mia wenigstens mit ihnen in einem Raum sitzen können, ohne sie sofort zu hassen.
Katharina sah aus, als habe er bei einer Softwarelizenz eine vollkommen unsinnige Zusatzklausel verlangt. Dann nickte sie knapp. Gut, ein Treffen, Abendessen, Freitag. Nicht in irgendeinem steifen Konzernlokal, warnte Jonas.
Die Organisation übernehme ich, sagte Katharina abweisendund tippte auf die Mappe. Nehmen Sie sie mit. Jonas hob den schweren Umschlag auf. In seinen Händen fühlte er sich beinahe wie ein Ziegelstein an.
Als er das Büro verließ, trug er das Versprechen von Freiheit mit sich,und es wog kalt und schwerer als Freiheit eigentlich wiegen sollte. Das Aurelia war ein Restaurant, dessen Speisekarte keine Preise nannte. Es lag im obersten Stock eines kleinen Luxushotels nahe der alten Oper, unter mundgeblasenen Glasleuchternund in jenem gedämpften Licht, das Reichtum nicht zeigen musste, weil jeder im Raum ihn ohnehin spürte. Jonas kam sich lächerlich vor.
Er trug seinen einzigen Anzug, anthrazitfarben, vor fünf Jahren für eine Beerdigung gekauft,und inzwischen spannte er unangenehm über den Schultern. Neben ihm saß Mia auf einer tiefen Samtbank in einem geblümten Kleid mit weißem Kragen. Nervös ließ sie die Beine baumeln, sodass ihre schwarzen Lackschuhe immer wieder den schweren Tischvorhang streiften. Sie schaute zu den gedämpft sprechenden Gästen, zu den geräuschlos arbeitenden Kellnernund begriff mit der erstaunlichen Feinfühligkeit eines Kindes die unausgesprochene Regel dieses Ortes: Kinder durften hier gesehen werden, aber am besten keinerlei Geräusch machen.
Papa, flüsterte sieund beugte sich zu ihm. Das Wasser schmeckt komisch. Jonas senkte ebenfalls die Stimme. Das ist nur schickes Wasser, Mäuschen.
Trink langsam. Katharina saß ihnen gegenüber in einem smaragdgrünen, rückenfreien Kleid, das dunkle Haar streng zu einem Knoten gesteckt. Sie sah makellos ausund zugleich völlig deplatziert gegenüber einer Siebenjährigen, die mit einem geliehenen Kugelschreiber auf einer Stoffserviette zu malen versuchte. Die ersten zwanzig Minuten waren eine Meisterklasse in Verlegenheit.
Eine Abfolge zu langer Pausen. Vorsichtiger Blicke,und Besteckgeräusche, die plötzlich lauter wirkten als jedes Gespräch. Katharina bestellte in fehlerfreiem Französisch. Jonas nahm das einzige, das ihm vertraut vorkam, ein Steak,und bat für Mia um schlichte Nudeln mit Butter.
Der Kellner verzog das Gesicht, als hätte Jonas darum gebeten, mitten zwischen Kristallgläsern ein Tier zu schlachten. Doch ein einziger scharfer Blick Katharinas genügte,und plötzlich war Butterpasta offenbar eine vollkommen vernünftige kulinarische Entscheidung. Katharina begann ihre Strategie abzuarbeiten. Sie behandelte Mia ungefähr so, wie sie einen jungen Analysten behandeln würde, den sie von der Konkurrenz abwerben wollte.
Also, Mia, sagte sie nach einem kaum sichtbaren Schluck Wein. Dein Vater hat mir erzählt, dass du gern zeichnest. Mia hielt mitten in der Linie eines schiefen Hundes inne, hob den Kopfund betrachtete Katharina mit offenen, unbeirrbaren grünen Augen. Ich male, wenn Papa arbeiten muss, dann bin ich leise.
Katharina blinzelte. Die Sachlichkeit traf sie unvorbereitet. Verstehe. Nun, wenn du bei mir wohnen würdest, könntest du ein eigenes Atelier bekommen mit Leinwänden, richtigen Farbenund Privatunterricht.
Mia sah zu Jonas. Sein Gesicht blieb neutral, doch sein Kiefer war angespannt. Er hatte ihr erklärt, Frau Berger wolle über eine besondere Wohnregelung sprechen, ein wichtiges geschäftliches Arrangement,und das Wort Heirat bewusst vermieden, weil er es selbst kaum aussprechen konnte. Ich mag meine Wachsmalstifte, sagte Miaund beugte sich wieder über ihre Zeichnung.
Katharina runzelte die Stirnund trommelte mit perfekt manikürten Fingern auf das Tischtuch. Ihr Blick zu Jonas enthielt eine lautlose Aufforderung, beinahe wie im Büro. Regeln Sie das. Jonas atmete aus.
Mia. Frau Berger bietet uns eine Möglichkeit an, unser Leben zu verändern. Wir müssten uns um Rechnungen nicht mehr so viele Sorgen machen. Katharina beugte sich vorund gab den Versuch von Kinder-Small-Talk auf.
Sie beschloss, Mia wie eine Erwachsene zu behandeln, weil das die einzige Sprache war, die ihr wirklich vertraut war. Mia, ich sage es klar: Dein Vaterund ich erwägen eine Partnerschaft, genauer gesagt eine Ehe. Das bedeutet, dass wir zusammen wohnen würdenund nach außen eine Familie wären. Es wäre eine echte Eheschließung, auch wenn die Bedingungen vertraglich geregelt wären.
Du könntest auf eine bessere Schule gehen, hättest ein Zimmer, das doppelt so groß ist wie jetzt, vielleicht einen Pool im Garten. Was immer du brauchst, kann ich bereitstellen. Darin bin ich sehr gut. Mia hörte vollständig aufzuzeichnenund legte den Stift hin.
Ihr Blick wanderte über den weitläufigen Speisesaal. Die Kristallgläser, die weißen Tischdeckenund schließlich zurück zu der kerzengerade sitzenden Frau, die so wirkte, als sei sogar ihr Atem terminiert. Du willst meinen Papa heiraten? Ihre Stimme war leise, aber in dem gedämpften Restaurant messerscharf verständlich.
Ja, sagte Katharina. Es ergibt für alle Beteiligten sachlich Sinn. Mia drehte den Kopf zu Jonas. Liebst du sie, Papa?
Er schluckte. Die Lüge stieg ihm bis in den Halsund blieb dort stecken. Vor diesen vertrauten grünen Augen brachte er sie nicht heraus, auch nicht für zwei Millionen Euro. Mia, das ist eine komplizierte Sache für Erwachsene.
Es geht darum, dass du sicher bistund gut versorgt wirst. Sie sah wieder Katharina an. In diesem Augenblick wirkten ihre Augen älter als sieben Jahre. Als trügen sie Krankenhausflure, nächtliche Gespräche über Geldund den riesigen leeren Platz ihrer Mutter mit sich.
Du hast sehr viel Geld, sagte Mia nach einer Pause, in der sogar Jonas kaum zu atmen wagte. Ja, antwortete Katharinaund spürte einen winzigen Anflug von Triumph. Das Kind verstand also doch, was Macht bedeutete. Mia legte den Kopf schief.
Aber du siehst nicht glücklich aus. Du guckst, als wärst du sauer auf die Luft. Zum ersten Mal an diesem Abend verlor Katharinas Haltung einen Hauch ihrer Sicherheit. Ich bin konzentriert, Mia.
Glück ist subjektiv. Sicherheit ist messbar. Mia zogdie Brauen zusammen, als prüfe sie einen Satz, der nicht recht zu ihrer Welt passte. Als Mama krank war, sagte sie schließlich,und ihre Stimme wurde so leise, dass alle am Tisch unwillkürlich stiller wurden, war Papa drei Tage fast die ganze Zeit wach.
Er hat ihre Hand gehalten, bis sie eingeschlafen ist. Er war so müde, dass er auf dem Krankenhausflur geweint hat, aber er ist nicht weggegangen. Jonas schloss die Augen. Der alte Schmerz traf ihn unmittelbar körperlich.
Mia, du musst nicht. Nein, sagte Katharina überraschend sanft. Lass sie reden. Mia richtete den Blick direkt auf die milliardenschwere Vorstandsvorsitzende.
Papa ist jetzt auch oft müde. Er repariert kaputte Leitungenund kaputte Wände,und sagt manchmal: Manche Sachen kann man nicht reparieren, weil sie selbst gar nicht repariert werden wollen. Dann hob sie einen kleinen Fingerund deutete auf die Diamantkette an Katharinas Schlüsselbein. Es war keine freche Geste, eher die ernsthafte Markierung eines Beweisstücks in einer kindlichen Argumentation.
Wenn du ihn heiratest, musst du ihn lieb haben. Das ist die Regel. Mia sagte es mit jener kompromisslosen Moral, die nur Siebenjährige besitzen können. Wenn du ihn nicht liebst, mietest du ihn bloß.
Papa sagt, man mietet Sachen, wenn man nicht weiß, ob man sie behalten will. Katharina saß regungslos. Mia schobdie Serviette über den Tisch. Darauf war gar kein Hund mehr zu sehen.
Es war eine unbeholfene Zeichnung von Jonasund Mia. Hand in Hand vor einem kleinen eckigen Haus mit einem grünen Dachund einer krummen Sonne darüber. Eine dritte Person fehlte. Du kannst mir einen Pool kaufen, sagte Miaund sah Katharina fest an.
Aber du weißt nicht mal, wie man seine Pommes teilt. Kaufst du meinen Papa, weil du kaputt bist, oder weil du ihn auch kaputt machen willst? Danach war die Stille vollkommen,und selbst der Kellner, der sich gerade mit einer Karaffe näherte, änderte unauffällig die Richtung, als spüre er, dass an diesem Tisch etwas geschehen war, dass weder Service noch Geld reparieren konnten. Katharina Berger hatte schon einmal einer feindlichen Übernahme durch einen Golfinvestor gegenübergesessen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Doch jetzt war ihr Hals schlagartig trocken. Bis ins letzte Detail formulierte Ehevertrag, das Depot, die Kommunikationsstrategie,die juristischen Sicherungen, all das zerbrach an einer zynisch klaren Wahrheit, die ein Kind in Lackschuhen ausgesprochen hatte. Katharina sah zu Jonas, als suche sie dort noch irgendeinen Rest ihrer gewohnten Ordnung. Er entschuldigte sich nicht für seine Tochter.
Im Gegenteil, er betrachtete Mia mit einem schmerzhaft stolzen Blick, in dem Liebeund Trauer zugleich lagen. Katharina sah wieder auf das gezeichnete Haus. Zum ersten Mal in ihrem Leben kam ihr ihr Vermögen vollständig nutzlos vor. Sie öffnete den Mund, wollte widersprechen, eine Klausel nennen, einen Fehler in der Logik finden, doch ihr fiel nichts ein.
Die Rückfahrt in ihr Penthouse verlief quälend still. Nicht einmal ihr Handy, auf dem ungelesene Nachrichten aus London, Hamburgund Singapur aufliefen, konnte ihr die vertraute Flucht in Arbeit bieten. Katharina saß im Fond ihres Maybach, während Frankfurts Lichter hinter den getönten Scheiben zu verschwommenen Linien wurden. Zum ersten Mal in ihrer Laufbahn hatte sie kein Gegenangebot, keinen besseren Preisund keine Formulierung, mit der sich der Widerstand auflösen ließ.
Eine Siebenjährige mit schwarzen Lackschuhenund grünem Wachsmalstift hatte ihre gesamte Verhandlung zerlegt. Kaufst du meinen Papa, weil du kaputt bist, oder weil du ihn auch kaputt machen willst? Der Satz blieb im großen Lederraum des Wagens hängen. Sie goss sich Mineralwasser aus der Mittelkonsole ein,und ihre Hand zitterte leicht gegen das Glas.
Katharina war wütend, außerdem gedemütigt,und beides kannte sie gut. Unter dem scharfen, vertrauten Reflex aus Abwehrund Zorn lag jedoch etwas anderes, etwas weitaus Unbequemeres. Es war Wiedererkennen. Mia hatte das Angebot nicht bloß abgelehnt, sie hatte die Käuferin analysiert.
Am nächsten Morgen war der zweiundvierzigste Stock der Bergerzentrale eisig kalt. Der Wind vom Main jagte zwischen den noch offenen Stahlrahmen hindurch, wo später raumhohe Fensterscheiben sitzen sollten. Jonas kniete auf dem Betonund zog mit Kreide eine Linie für die Lüftungsbauer, als hinter ihm das vertraute Klicken von Absätzen über den Rohboden kam. Er sah nicht sofort auf, sondern beendete die Markierung, steckte die Kreide ein, wischte die Hände an seiner Jeans abund stand erst dann langsam auf.
Er rechnete mit Werkschutzund Personalabteilung, vielleicht sogar mit einem Anwalt. Er hatte erwartet, vom Gelände begleitet zu werden, den Auftrag seiner Firma zu verlierenund damit genau das Einkommen, an dem ohnehin alles hing. Die halbe Nacht hatte er in seiner Wohnung zur Decke gestarrtund ausgerechnet, wie viele Wochen Kreditrahmen noch zwischen ihmund ernsthaften Mahnungen lagen, bevor aus den offenen Raten ein Problem wurde, dass er nicht mehr verstecken konnte. Doch Katharina war allein.
Sie trug einen schweren Wollmantel, beide Hände tief in den Taschen. Ihr Haar war nicht wie sonst streng zurückgenommen, sondern fiel offen um ihre Schulternund wurde vom kalten Wind durcheinander gebracht. Sie sah müde aus, ungeschminkt nicht, aber weniger gepanzert. Sie sind nicht gekündigt, sagte sie ohne Begrüßung.
Jonas verschränkte die Arme gegen die Kälte. Ich dachte, ihre Anwälte hätten die Kündigung noch vor Mitternacht fertig. Hatten sie, gab Katharina zu,und ihre Stimme besaß nichts von dem gewohnten, befehlenden Klang. Die Rechtsabteilung hat alles formuliert.
Meine Assistentin hat es ausgedruckt,und um drei Uhr morgens habe ich die Unterlagen in den Aktenvernichter geschoben. Sie trat näherund setzte ihre Schritte zwischen Kabeln, Werkzeug, Kistenund Materialstapeln erstaunlich vorsichtig, als hätte sie über Nacht gelernt, dass selbst ein Baustellenboden nicht für sie Platz machte, wenn sie nicht hinsah. Ein paar Meter vor Jonas blieb sie stehen. Beide spürten, dass das Machtverhältnis anders war als am Vortag.
In Katharinas Rüstung aus Geld, Statusund Kontrolle war ein Riss entstanden,und Jonas tat nichts, um ihn auszunutzen. Er beobachtete sie nur. Ich verliere keine Verhandlungen, sagte sie leise. Wenn ein Lieferant blockiert, kaufe ich seinen Konkurrenten.
Wenn jemand im Aufsichtsrat droht, lasse ich seine Geschäfte prüfen. Ich löse Probleme, indem ich mehr Kapital darauf werfe als die andere Seite. Jonas schüttelte leicht den Kopf. Menschen sind keine Lieferketten, Katharina.
Er benutzte ihren Vornamen ohne Berechnung, fast beiläufig,und gerade deshalb traf er sie. Für einen Moment zuckte etwas in ihrem Gesicht, weil er die Ebene zwischen ihnen mit einem einzigen Wort flacher gemacht hatte. Ihre Tochter hat mir das gestern so deutlich erklärt, dass ich kaum darüber hinwegsehen kann, sagte sie. Mia ist nicht käuflich.
Jonas Stimme wurde weicher. Sie ist ein Kind, das seine Mutter verloren hat. Sie weiß, was wichtig ist, weil sie schon weiß, was es kostet, etwas Wichtiges zu verlieren. An einem Herzschlag hängt man kein Preisschild.
Er blickte kurz zu den grauen Häusern jenseitsder offenen Fassade. Das hat sie mit vier gelernt, früher als irgendein Kind so etwas lernen sollte. Katharina wandte den Blick über die winterlich graue Skyline. Ich bin in Internaten aufgewachsen, Jonas.
Mein Vater hat mit mir über Überweisungen auf ein Treuhandkontound über meine Zeugnisse kommuniziert, später über Quartalszahlen. Als ich den Konzern übernommen habe, habe ich nicht nur Beteiligungenund Immobilien geerbt, sondern eine Philosophie. Liebe ist ein Risiko, Zuneigung ein Druckmittel. Entweder man nutzt sie, oder jemand nutzt sie gegen einen.
Die Worte klangen sachlich, aber ihre Hände blieben tief in den Manteltaschen. Dann zog sie die rechte Hand heraus. Darin hielt sie den beigefarbenen Umschlag mit dem Ehevertrag. Langsam, fast feierlich, riss Katharina ihn einmal in der Mitte durch, dann noch einmal, bis vier ungleichmäßige Stücke entstanden.
Sie ging zu einem Bauabfallbehälter voller Gipskartonresteund ließ das Papier hineinfallen. Roland hat mich heute Morgen angerufen, sagte sie, als sie sich wieder umdrehte. Er hat die Bedingungen verschärft. Wenn ich bis Freitag keine öffentliche Verlobung vorweisen kann, will er im Aufsichtsrat die Stimmen für meine Abberufung sammelnund die Großaktionäre gegen mich mobilisieren.
Er versucht, mir meinen eigenen Konzern aus der Hand zu nehmen. Jonas schobdie Hände in die Jackentaschen. Und was tun sie? Ein schmales, echtes Lächeln berührte Katharinas Mundwinkel, als fände ein Raubtier zurück auf vertrauten Boden.
Ich gehe in den Krieg. Ich lasse seine Auslandskonten prüfen, seine Nebenabsprachenund jede Verbindung zu Investoren, die an einem Kurssturz verdienen könnten. Und ich erinnere die Aktionäre daran, dass ich aus einem angeschlagenen regionalen Spediteur ein internationales Logistiknetz gemacht habe. Ich brauche keinen erfundenen Ehemann, damit meine Kompetenz glaubwürdig wird.
Jonas nickte langsam,und etwas in ihm löste sich. Der moralische Druck, der seit dem Vertrag auf seiner Brust gelegen hatte, verschwand beinahe körperlich. Gut, dann kämpfen Sie lieber gegen die, als mit mir ein Leben zu spielen, das nicht echt ist. Da stimme ich zu.
Katharina schwieg, während Wind durch die offene Etage zogund tief unten der Verkehr rauschte. Nur bleiben ihnen damit vierundachtzigtausend Euro Verbindlichkeiten aus den letzten Krankheitsjahrenund eine Tochter, die mehr verdient als Plastikringe, die noch am selben Nachmittag brechen. Jonas Schultern wurden hart. Ich wollte gestern keine Almosen von ihnen,und heute will ich sie genauso wenig.
Katharina griff in ihre Manteltascheund zog ein einzelnes Blatt hervor. Es ist kein Almosen, es ist ein Stellenangebot. Sie reichte es ihm nicht, sondern legte es auf einen Stapel Gipskartonplatten. Mein derzeitiger Leiter Infrastrukturentwicklung ist ein Idiot, der offenbar glaubt, italienischen Marmor könne man beamen.
Heute Nachmittag trenne ich mich von ihm. Ich will, dass Sie seinen Posten übernehmen. Jonas starrte auf das Papier. Ich bin Bauleiter.
Ich koordiniere Gewerkeund Baustellen. Ich sitze nicht im Anzug in Vorstandsrunden. Katharina ging einen Schritt in Richtung Lastenaufzug. Ich brauche keinen weiteren Mann im Anzug.
Ich brauche jemanden, der mir die Wahrheit sagt, wenn sie unbequem ist, der Zeitpläne nicht schön rechnetund der vor mir keine Angst hat. Genau das haben Sie schon getan, ohne dafür bezahlt zu werden. Das Einstiegsgehalt beträgt zweihundertdreißigtausend Euro im Jahr. Dazu die übliche betriebliche Absicherung auf Führungsebene,und der Konzern übernimmt ihre ausstehenden privaten Verbindlichkeiten als Antrittsbonus.
Nennen wir es mein Standardverfahren für eine erfolgreiche Personalakquisition. Sie drückte den Rufknopf des Aufzugs. Jonas sah vom Blatt zu ihr. Warum machen Sie das?
Seine Stimme war heiser vor Unglauben. Katharina blickte über die Schulter,und für einen Moment wirkte die Antwort nicht vorbereitet. Die Aufzugtüren öffneten sich mit metallischem Schaben. Weil ihre Tochter recht hatte, sagte Katharina leise.
Ich miete nur Dinge, von denen mir egal ist, ob sie bleiben. Und ich glaube, ich würde gern ausprobieren, ob ich manche Menschen behalten kann, ohne sie zu besitzen. Dann stieg sie in den Aufzug. Jonas blieb zwischen Staub, Leitungenund Bauplänen zurückund betrachtete das einzige Blatt Papier, das plötzlich wie der Grundriss eines völlig neuen Lebens aussah.
Drei Monate später war der große Sitzungsraum der Berger Logistik AG ein Schauplatz kontrollierter Demontage. Roland Faber saß am Kopfende des langen Tisches, das Gesicht fleckig vor Wut. Vor ihm lagen interne Prüfberichte, forensische Auswertungen der Buchhaltungund eine minutiöse Zeitleiste seiner nicht genehmigten Hinterzimmerkontakte zu einem konkurrierenden Unternehmen. Niemand blätterte mehr darin, die entscheidenden Stellen waren längst markiert,und das Schweigen der übrigen Aufsichtsratsmitglieder sagte deutlicher als jede Wortmeldung, dass sich die Lage gegen ihn gedreht hatte.
Katharina stand am anderen Ende des Tisches. Sie trug nicht das strenge Schwarz, das sonst zu ihrer Rüstung gehörte, sondern einen dunkelblauen Maßanzug. Ihre Haltung war gelöst, ihre Augen jedoch hell vor der kalten Konzentration eines vollständig gewonnenen Gefechts. Sie haben ihre Pflichten verletzt, Roland, sagte sie,und ihre Stimme trug durch den gläsernen Raum.
Sie wollten die Diskussion über meine Abberufung nutzen, um den Aktienkurs künstlich unter Druck zu setzen, während ihre Kontakte bei Rinm Capital eine feindliche Übernahme vorbereiteten. Das ist nicht nur gegenüber dem Unternehmen, es erfüllt den Verdacht auf Marktmanipulationund Untreue. Die anderen Mitgliederdes Aufsichtsrats saßen stumm da. Sie hatten erwartet, dass Katharina sich verteidigen würde.
Stattdessen hatte sie Belege mitgebracht. Roland stieß den Stuhl zurück. Sie sind eine Soziopathin, Katharina. Glauben Sie, das macht Sie stabil?
Glauben Sie, die Aktionäre sehen darin Bodenhaftung? Seine sorgfältig gepflegte Ruhe war verschwunden. Katharina legte beide Hände auf den Tisch. Ich glaube, es beweist, dass ich aufpasse.
Mein Privatleben ist genau das, privat. Es ist keine Sicherheit, die Sie für Ihre Unternehmensintrigen verpfänden dürfen. Sie haben eine Stunde, ihr Büro zu räumenund ihr Mandat niederzulegen, bevor ich diese Unterlagen der Bar Finund der Staatsanwaltschaft Frankfurt übergebe. Sie wartete nicht auf eine Antwort.
Katharina nahm ihr Tablet, drehte sich umund verließ den Raum. Hinter ihr schlossen sich die schweren Holztüren mit einem satten Klicken,und in diesem Geräusch schlug etwas Endgültiges, als wäre Rolands Karriere gerade von selbst ins Schloss gefallen. Sie ging an ihren Assistenten vorbei, ohne auf deren weit aufgerissene Augen zu reagieren,und trat in den Aufzug, der direkt zur Vorstandsetage führte. Alsdie Türen zuglitten, ließ Katharina einen langen, zitternden Atemzug entweichen.
Das Adrenalin fiel aus ihr herausund machte einer Müdigkeit Platz, die bis in die Knochen reichte. Drei Monate hatte sie geprüft, verhandelt, gerechnet, Beweise gesichertund Mehrheiten zurückgewonnen. Jetzt hatte sie ihren Konzern verteidigt, ohne den Ehering, den Roland als Beweis ihrer Verlässlichkeit verlangt hatte,und gerade darin lag ein Sieg, der tiefer reichte als jede Abstimmung. Sie hatte gewonnen, doch während die Etagenanzeige nach unten sprang, merkte sie, dass sich dieser Sieg anders anfühlte als alle davor.
Er war nicht kaltund nicht einsam, nicht dieser schmale Triumph, nach dem früher nur die nächste Aufgabe gewartet hatte. Er fühlte sich viel mehr an wie ein freigewordener Abend. Eine Stunde später drückte Katharina die schwere Glastür eines kleinen geschäftigen Burgerladens in Frankfurt Bockenheim auf. Drinnen roch es nach Fritierfett, starkem Kaffeeund karamellisiertem Zucker.
Stimmen überlagerten sich, Teller klapperten. Irgendwo zischte eine Fritteuse. Der Laden besaß weder Stern noch Stoffservietten, sondern abgewetzte rote Kunstlederbänke, laminierte Kartenund eine Wärme, die sich nicht bestellen ließ. Sie entdeckte die beiden hinten in einer Nische.
Jonas trug ein sauberes hellblaues Hemdund lachte über etwas, das Mia gerade mit vollem Ernst erklärte. Die dunklen Schatten unter seinen Augen waren in den letzten drei Monaten deutlich schwächer geworden. Er sah jünger aus, nicht weil sein Leben plötzlich leicht war, sondern weil er nicht mehr jede Rechnung im Kopf gegen die nächste Woche aufrechnen musste. Mia bemerkte Katharina zuerst.
Mitten im Satz hielt sie inne, eine Pommes auf halbem Weg zum Mund,und musterte die Frau an der Tür genauso aufmerksam wie damals im Restaurant. Katharina ging zu ihnenund stellte mit einiger Irritation fest, dass sie nervöser war als vor einem Dutzend feindseliger Manager im Sitzungsraum. Neben der roten Bank blieb sie stehen, sich plötzlich sehr bewusst, wie teuer ihr dunkelblauer Anzug in diesem einfachen Laden wirkte. Frau Berger, sagte Jonas überraschtund wischte sich rasch die Hände an einer Papierserviette ab.
Mit ihnen haben wir nicht gerechnet. Sein Blick wurde sofort sachlicher. Ist auf einer der Baustellen etwas passiert? Nein, sagte Katharina ungewöhnlich zögernd.
Auf den Baustellen ist alles in Ordnung. Die Sitzung ist vorbei. Roland ist weg. Für einen Moment sah Jonas sie nur an.
Dann breitete sich ein echtes, erleichtertes Lächeln über sein Gesicht. Sie haben es geschafft. Ja, sie haben es wirklich geschafft. Katharina nickte.
Habe ich. Danach stand sie immer noch am Tisch. Ohne Tagesordnung, ohne Vertrag, ohne irgendeinen geschäftlichen Grund, der ihr sagte, was als nächstes zu tun war. Das war für sie beinahe beunruhigender als der Aufsichtsrat.
Mia beobachtete sie langeund senkte schließlich die Pommes. Willst du da stehen bleibenund wieder sauer auf die Luft gucken, oder setzt du dich? Jonas verschluckte sich an einem Lachenund verwandelte es hastig in ein Husten. Mia, benimm dich.
Katharina blinzelte, doch dann entkam ihr ein helles Lachen, bevor sie es kontrollieren konnte. Der Klang war etwas rau, als wäre er lange nicht benutzt worden,und gerade deshalb vollkommen echt. Selbst Jonas sah sie einen kurzen Moment überrascht an, bevor sein eigenes Lächeln breiter wurde. Katharina schob sich auf die Bank ihnen gegenüber.
Ich nehme an, ich setze mich. Fast sofort erschien eine Bedienung, legte ihr mit geübtem Schwung eine laminierte Speisekarte hinund stellte ungefragt eine Tasse Filterkaffee daneben. Was darf’s sein? Katharina betrachtete die Karte.
Zwischen Fotos von Burgern, Pancakes, Currywurstund riesigen Milkshakes herrschte ein visuelles Durcheinander, das mit den minimalistischen Menüs ihrer üblichen Restaurants nichts gemeinsam hatte. Sie hatte keine Ahnung, welcher unausgesprochenen Regel man hier folgte,und diese Ahnungslosigkeit störte sie überraschend wenig. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste sie in einem Raum nicht die kompetenteste Person sein, nicht einmal bei der Bestellung. Sie sah über den Tisch.
Was ist hier gut? , fragte sie leise. Mia antwortete sofort. Die Burger sind billig, aber Papa sagt, wir müssen nicht mehr dauernd darauf achten, ob etwas billig ist.
Deshalb habe ich einen Erdbeermilchshake genommen mit echten Erdbeeren. Katharina spürte ein enges, fremdes Ziehen in der Brust, als habe jemand dort eine Tür geöffnet, die sie jahrelang verriegelt gehalten hatte. Sie dachte an die zweite Mahnung, auf der Mia damals ihr grünes Haus gemalt hatte,und daran, wie beiläufig ein Kind gelernt hatte, Geld mit Sicherheit gleichzusetzen. Es war nicht der kalte Griff von Angstund auch nicht das Brennen von Ehrgeiz, das Katharina so gut kannte.
Es war Wärme, verbunden mit der erschreckenden, unordentlichen Verletzlichkeit, die entsteht, wenn einem andere Menschen wichtig werden. In den vergangenen drei Monaten waren ihre Begegnungen offiziell streng beruflich geblieben. Jonas hatte sich in seiner neuen Aufgabe hervorragend bewährt, Projekte entwirrt, realistische Abläufe eingeführtund mit seiner nüchternen Art Kosten gesenkt, die zuvor hinter prestigeträchtigen Fehlentscheidungen verschwunden waren. Der Konzern hatte dadurch bereits Millionen eingespart.
Doch zwischen Bauplänen, Budgetsund Sitzungen hatte es ruhige Minuten gegeben, in denen sie tatsächlich miteinander geredet hatten. Nicht verhandelt, sondern geredet, über Arbeit, Müdigkeit, Mias Schule, Katharinas Internatsjahreund darüber, wie seltsam Stille in einem Penthouse wirken konnte. Ohne Vertrag zwischen ihnen hatten selbst Pausen eine andere Bedeutung bekommen. Katharina sah Jonas an.
In seinem Blick lag weder Ehrfurcht noch Berechnung, sondern ruhiges Verständnis. Er sah nicht die milliardenschwere Vorstandsvorsitzende, die gerade einen Machtkampf gewonnen hatte, sondern eine erschöpfte Frau, die danach in einen Burgerladen gekommen war, weil sie diesen Erfolg nicht allein feiern wollte. Einen Burger möchte ich nicht, sagte Katharinaund wandte sich Mia zu. Sie streckte die Hand über den Tisch.
Ihre manikürten Finger zögerten für den Bruchteil einer Sekunde vor dem Teller des Kindes. Aber, fügte sie mit verschwörerisch gesenkter Stimme hinzu, ich wäre bereit, über eine deiner Pommes zu verhandeln. Jonas senkte den Blick, damit Mia sein Grinsen nicht sofort sah. Katharina selbst wusste nicht, ob sie einen Scherz machte oder zum ersten Mal versuchte, eine alte Sprache anders zu benutzen.
Mia blickte erst auf ihre Pommes, dann auf Katharina. In den grünen Augen wichdie ernste, fast viel zu alte Wachsamkeit langsam einem hellen, kindlichen Funkeln. Du kannst sie nicht kaufen, stellte sie festund verschränkte die Arme. Katharina nickte ohne sich zu verteidigen.
Das würde ich auch nicht versuchen. Sie wartete einen Augenblick. Ich frage, ob du mit mir teilst. Mia musterte sie lange, als prüfe sie nicht die Bitte, sondern alles, was seit jenem Abend zwischen ihnen passiert war.
Dann nahm Mia mit feierlicher Sorgfalt eine besonders goldene, gerade Pommes vom Tellerund hielt sie über den Tisch. Katharina nahm sie entgegen. An diesem Tag wurde kein Vertrag unterschrieben, keine Pressemitteilung verschickt, kein Foto für den Aufsichtsrat arrangiertund kein Vermögen übertragen. Da saßen nur ein Mann, der endlich festen Boden unter den Füßen gefunden hatte, ein kleines Mädchen, das der Welt vorsichtig wieder etwas mehr vertraute,und eine Frau, die begriff, dassdie wertvollsten Dinge in ihrem Leben genau jene sein könnten, die sich weder kaufen noch besitzen ließen.
Sie saßen auf der billigen Kunstlederbank, aßen Pommesund hörten das Klappernvon Geschirr, Gesprächsfetzen, die Fritteuseund den Verkehr draußen auf der Leipziger Straße, während zwischen ihnen etwas Echtes entstand. Stück für Stückund ohne Zeitplan.