Der Regen kam in jener Nacht so plötzlich über das Tal, dass Elias Turner kaum Zeit hatte, die letzten Getreidesäcke vom Wagen zu laden. Der Wind peitschte über die Weiden, riss an den Zäunen und ließ die alten Balken seiner Scheune knarren. Elias war ein schweigsamer Mann, der gelernt hatte, mit wenig auszukommen. Seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren lebte er allein auf seiner abgelegenen Farm, zusammen mit einem alten Pferd und einem störrischen Maultier, das er nach einem Revolverhelden benannt hatte.

Er wollte gerade die Scheunentür schließen, als er ein Geräusch hörte. Ein Klopfen. Elias erstarrte. Noch einmal.
Drei kurze Schläge gegen das Holz. Er griff nach seiner Winchester, die neben dem Eingang lehnte. Niemand kam bei diesem Wetter freiwillig zu seiner Farm. Schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit.
„Wer ist da? “, rief er. Keine Antwort. Dann hörte er eine Frauenstimme.
„Bitte machen Sie auf. “
Elias öffnete die Tür nur einen Spalt. Im Regen stand eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt. Ihr Kleid war völlig durchnässt, an mehreren Stellen zerrissen und mit Schlamm bedeckt.
Ihr Haar klebte an ihrem Gesicht. Eine Hand presste sie gegen ihre Seite, und zwischen ihren Fingern rann dunkles Blut. „Ich brauche Hilfe“, flüsterte sie. Elias sah über ihre Schulter.
Niemand. Nur Regen, Dunkelheit und die endlose Prärie. „Kommen Sie rein. “
Die Frau stolperte in die Scheune.
Elias schloss sofort die Tür und verriegelte sie. „Setzen Sie sich. “
„Sie dürfen mich nicht lange hier behalten. “
„Warum?
“
Sie sah ihn an. In ihren Augen lag eine Angst, die Elias noch nie zuvor gesehen hatte. „Sie suchen mich. “
„Wer?
“
Die Frau antwortete nicht. Elias holte eine Laterne und stellte sie auf einen Holzkasten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass ihre Verletzung nicht von einem Messer stammte. Unterhalb ihrer Rippen war ein dunkler Einschuss zu sehen.
„Sie sind angeschossen. Nur gestreift. Das sieht anders aus. “
„Ich muss weiter.
“
„Mit dieser Wunde schaffen Sie es nicht einmal bis zum Zaun. “
Sie wollte widersprechen, doch plötzlich knickten ihre Knie ein. Elias fing sie auf. „Wie heißen Sie?
“
Nach kurzem Zögern sagte sie: „Clara Bell. “
Elias kannte den Namen. Jeder im County kannte ihn. Clara Bell war die Tochter von Samuel Bell, dem reichsten Viehzüchter der Gegend.
Vor zwei Monaten war ihr Vater bei einem Überfall getötet worden. Clara war seitdem verschwunden. Man hatte angenommen, sie sei ebenfalls tot. Elias starrte sie an.
„Sie sind Samuel Bells Tochter. “
Clara sah zu Boden. „Ja. “
Draußen donnerte es.
Elias spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog. „Wer hat Ihren Vater getötet? “
Clara hob langsam den Kopf. „Der Sheriff.
“
Elias lachte einmal ungläubig auf. „Sheriff Cole? Das kann nicht sein. “
„Dann schauen Sie in den Sack.
“
Elias folgte ihrem Blick. Neben ihr lag ein kleiner Ledersack, den sie offenbar unter ihrem Mantel verborgen hatte. Er öffnete ihn. Darin befanden sich mehrere Briefe, ein silberner Schlüssel und ein kleines schwarzes Notizbuch.
Elias schlug es auf. Auf den ersten Seiten standen Namen: Farmer, Händler, Bankiers, Richter. Neben jedem Namen waren Zahlen eingetragen. „Was ist das?
“
„Beweise“, flüsterte Clara schwer atmend. „Mein Vater hatte herausgefunden, dass Cole und einige der mächtigsten Männer im County seit Jahren Farmer von ihrem Land vertreiben. Sie fälschten Schuldscheine, bestachen Richter und ließen Vieh stehlen. Wer sich wehrte, verschwand.
“
Elias blätterte weiter. Dann sah er einen Namen, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Seinen eigenen. Neben seinem Namen stand eine Summe.
Elias schüttelte den Kopf. „Ich habe nie Geld von denen bekommen. “
„Das weiß ich. “
„Warum steht mein Name hier?
“
Clara sah ihn an. „Weil sie morgen Ihre Farm holen wollen. “
Elias hörte plötzlich nichts mehr außer dem Regen. „Morgen bei Sonnenaufgang.
“
In diesem Moment ertönte draußen ein Geräusch. Hufschläge. Mehrere Pferde. Clara sprang auf.
„Sie sind hier. “
Elias löschte die Laterne. „Wie viele? “
„Zu viele.
“
Er führte Clara hinter einen Stapel Heuballen. Dann hörte er Stimmen. „Turner. “ Elias erkannte die Stimme sofort.
Sheriff Cole. „Wir wissen, dass jemand bei dir ist. Öffne die Tür. “
Clara hielt den Atem an.
Elias legte die Winchester an. „Sie schießen nicht, solange ich es nicht sage“, flüsterte er. „Sie werden uns töten. “
„Dann sorgen wir dafür, dass sie es nicht schaffen.
“
Cole schlug gegen die Tür. „Letzte Warnung. “
Elias rief: „Ich bin allein. “
Ein kurzes Schweigen.
Dann lachte Cole. „Du warst schon immer ein schlechter Lügner, Turner. “
Schritte entfernten sich. Elias wartete.
Eine Minute, zwei. Dann hörte er das Knarren von Sätteln und das Geräusch von Pferden, die sich entfernten. Clara atmete aus. „Sie kommen zurück.
“
„Natürlich. “
„Was tun wir? “
Elias dachte nach. Dann nahm er das schwarze Notizbuch.
„Wir gehen nicht weg. “
Clara sah ihn überrascht an. „Was? “
„Wenn sie glauben, wir wären hier, werden sie die Farm beobachten.
Also müssen wir sie davon überzeugen, dass wir nicht hier sind. “
„Wie? “
Elias zeigte auf eine Hintertür der Scheune, die zu einem alten Bewässerungsgraben führte. Eine Stunde später krochen sie durch Schlamm und kaltes Wasser bis zu einer verlassenen Hütte, die Elias vor Jahren zum Lagern von Werkzeug benutzt hatte.
Dort entdeckte Clara etwas Unerwartetes. An der Wand hingen alte Karten. Elias zeigte auf eine rote Markierung. „Das ist Bells Ranch.
“
Clara trat näher. „Was ist darunter? “
„Ein alter Minenschacht. “
„Eine Mine?
Mein Vater hat sie nie erwähnt. “
Clara sah auf das Notizbuch, dann verstand sie. „Vielleicht hat er dort etwas versteckt. “
Sie kehrten kurz vor Morgengrauen zur Farm zurück.
Die Pferde des Sheriffs waren verschwunden. Doch auf Elias‘ Veranda lag ein Brief. Er öffnete ihn. Nur ein Satz stand darin: „Bring das Mädchen zum alten Sägewerk, sonst brennt deine Farm.
“
Clara wurde blass. „Sie wissen, dass ich hier bin. “
Elias zerknüllte den Brief. „Dann wissen sie auch, dass wir etwas gefunden haben.
“
Gemeinsam ritten sie zur alten Ranch der Bells. Das Gebäude war seit Monaten verlassen. Fenster waren zerbrochen, die Türen standen offen, und der Wind trieb Laub durch die Flure. Clara führte Elias in den Keller.
Dort fanden sie hinter einer losen Steinplatte eine eiserne Tür. Der silberne Schlüssel passte. Hinter der Tür lag kein Gold und keine Waffen. Es war ein Raum voller Akten.
Landtitel, Verträge, Quittungen, Gerichtsunterlagen und Briefe. Elias zog einen Brief heraus. Die Unterschrift gehörte Richter Hall. Darunter stand deutlich, dass Samuel Bell ermordet werden sollte, weil er die Verschwörung entdeckt hatte.
Clara begann zu zittern. „Mein Vater wusste, dass er sterben würde. “
Elias legte ihr eine Hand auf die Schulter. Dann hörten sie draußen Pferde.
„Sie sind hier“, flüsterte Clara. Schüsse krachten durch die Fenster. Elias zog Clara hinter eine Mauer. „Wir sitzen fest.
“
„Nein“, sagte Clara plötzlich. Sie zeigte auf eine Luke im Boden. „Mein Vater hat mir als Kind erzählt, dass es unter der Ranch einen Fluchttunnel gibt. “
Sie öffneten die Luke.
Der Tunnel führte direkt zu einem trockenen Bachbett hinter dem Hügel. Als sie herauskamen, sahen sie Rauch. Elias‘ Farm brannte. Clara starrte auf die Flammen.
„Es tut mir leid. “
Elias sah lange zu seinem brennenden Haus. Dann wandte er sich ab. „Dafür werden sie bezahlen.
“
Sie ritten zur Stadt. Doch bevor sie den Hauptplatz erreichten, standen plötzlich zwanzig bewaffnete Männer auf der Straße. Sheriff Cole trat vor. „Clara Bell.
“
Clara stieg vom Pferd. „Sie haben meinen Vater ermordet. “
Cole lächelte. „Das werden Sie niemandem beweisen.
“
Elias zog langsam seine Winchester. Doch bevor er schießen konnte, ertönte hinter den Männern eine andere Stimme. „Vielleicht doch. “
Alle drehten sich um.
Aus dem Gebäude des Gerichts kam Richter Hall. Er war blass. In seinen Händen hielt er eine Akte. „Ich habe genug davon“, sagte er.
Cole griff nach seinem Revolver. Ein Schuss krachte. Hall fiel. Die Stadt explodierte in Chaos.
Elias schoss Cole die Waffe aus der Hand. Clara rannte zur Tür des Gerichtsgebäudes und warf die Beweisakten auf den Tisch. Innerhalb weniger Minuten hatten sich mehrere Bürger um sie versammelt. Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Ein alter Farmer trat vor. „Mein Name steht auch in diesem Buch. “
Ein zweiter: „Meiner ebenfalls. “
Dann ein dritter.
Plötzlich verstanden alle, dass Samuel Bell nicht der einzige Mann gewesen war, den Cole beseitigen wollte. Cole versuchte zu fliehen, doch Elias stellte sich ihm in den Weg. „Du wolltest meine Farm. “
Cole spuckte Blut.
„Du hast nichts mehr. “
Elias sah zum Horizont. Dann zeigte er auf die Menschen hinter sich. „Jetzt habe ich Zeugen.
“
Cole wurde verhaftet. Wochen später begann der Prozess. Die Akten aus dem Keller der Bell Ranch enthüllten ein Netz aus Korruption, Landraub und Mord, das sich über Jahre erstreckt hatte. Mehrere Männer wurden verurteilt.
Elias bekam seine Farm nicht zurück. Das Haus war verbrannt, die Scheune nur noch ein schwarzes Gerippe. Doch Clara blieb. Sie verkaufte einen Teil des Bell-Landes und kaufte damit neue Rinder für Elias.
Als er sie fragte, warum, antwortete sie: „Weil Sie die Tür geöffnet haben, als jeder andere sie geschlossen hätte. “
Ein Jahr später stand eine neue Scheune auf Elias‘ Land. An ihrer Tür hing ein kleines Schild. Darauf stand nur: Bell & Turner.
Doch niemand wusste, dass Clara eines Tages noch einmal in den alten Minenschacht zurückkehren würde. Kurz vor dem Ende des Prozesses hatte sie dort etwas entdeckt, das sie niemandem erzählt hatte. In einer der Kisten lag ein Brief ihres Vaters. Er war nach seinem angeblichen Tod geschrieben worden.
Auf der letzten Seite standen nur sieben Worte:
„Vertraue niemandem, der glaubt, ich sei tot. “
Clara hatte den Brief versteckt. Denn wenn Samuel Bell wirklich noch lebte, dann war diese Geschichte noch lange nicht vorbei.